Seit 1979...

 

Am 1. Juli 1979 öffnete im Stadtteil Moabit, im damaligen West-Berliner Bezirk Tiergarten, der "Treffpunkt Waldstraße".

 

 

Eine Enquête-Kommission des Deutschen Bundestages hatte Mitte der Siebzigerjahre auf erhebliche Mängel in der psychiatrischen Versorgung hingewiesen.In der Folgezeit entstanden Modellprojekte, die erproben sollten, welche Alternativen im ambulanten Bereich sinnvoll sind, um Menschen, die in soziale oder psychische Not geraten sind, zu unterstützen. Eine erste Einrichtung dieser Art in West-Berlin war der "Treffpunkt Waldstraße".


Sie wurde als Forschungsprojekt gefördert im Rahmen des Modellverbundes "Ambulante psychiatrische und psychotherapeutisch/psychosomatische Versorgung" vom Bundesministerium Jugend, Familie und Gesundheit (Laufzeit 1979-1983).

 

 

Die Leitung übernahm die Psychologin Dr. Ursula Plog, die vorher zusammen mit dem Psychiater Prof. Klaus Dörner in einer ersten psychiatrischen Tagesklinik des Uni-Krankenhauses Hamburg-Eppendorf gearbeitet hatte.

 

Sie war 1970 auch Mitbegründerin der Deutschen Gesellschaft für soziale Psychiatrie (DGSP). Erinnert sei ebenfalls an das 1978 im Psychiatrie-Verlag erschienene Lehrbuch für Psychiatrie und Psychotherapie Dörner/Plog "IRREN IST MENSCHLICH".

 

 

In Kooperation mit Prof. Heiner Legewie vom Fachbereich Klinische Psychologie der TU Berlin begann die psychosoziale Kontakt- und Beratungsstelle "Treffpunkt Waldstraße - Beratung in Moabit" in den Ladenräumen einer ehemaligen Bäckerei ihre Arbeit.


Die Technische Universität übernahm einen Teil der Finanzierung. Zahlreiche Psychologie-Studenten/-innen machten im "Treffpunkt" bis Anfang der Neunzigerjahre Praxiserfahrungen im Fach Gemeindepsychologie und Gesundheitsförderung. Gleichermaßen gab es auch Praktikanten/-innen der Sozialarbeit. Ursula Plog verließ den "Treffpunkt" Ende 1983, nach Verfassen eines Endberichtes über die Modellphase.

 

1984 übernahm die Berliner Senatsverwaltung für Gesundheit, ab 1987 der Jugendsenat/ Drogenreferat, Abt. Suchtprophylaxe, die Finanzierung. Der Verein Psychosoziale Initiative Moabit e.V. führte in freier Trägerschaft die Arbeit weiter. Es hatte sich gezeigt, dass derartige Anlaufstellen vor Ort regen Zulauf fanden.

 

 

Hauptaufgabe war, ...
• die seelische Gesundheit der Einwohner im Wohngebiet zu fördern
   (Erwachsene, Kinder und Jugendliche)
• psychiatrische "Karrieren" möglichst abzuwehren
• Stigmatisierung und Ausgrenzung von "schwierigen" Menschen
   zu vermeiden.

 

 

Besonders geachtet wurde auf
• sozial Benachteiligte
• Personen in schwierigen Lebenslagen
   (auch Flüchtlinge, Asylsuchende, Arbeitslose, Traumatisierte)
• psychisch Erkrankte
• von psychischer Behinderung Bedrohte

 

 

Der "Treffpunkt" war an sechs Tagen pro Woche geöffnet, für jedermann zugänglich, "niedrigschwellig" und bevölkerungsnah.
Die Teilnahme an Angeboten war freiwillig und kostenlos, Akten über einzelne Personen wurden nicht geführt. Es wurde bewusst auf ein fest vorgegebenes Programm verzichtet, Aktivitäten orientierten sich flexibel an den Bedürfnissen und Problemlagen der Besucher/-innen.


Solche Aktivitäten waren:
Fotografieren, Kochen, Malen, Handarbeiten, Tanzen, Spielen, Schreiben, Gespräche führen - auch therapeutische.

 

 

In dieser offenen Struktur gab es Möglichkeiten der freiwilligen Kontaktaufnahme und des Aufbaus von Vertrauensbeziehungen, die Selbsthilfepotenziale beim Einzelnen stärken konnten. Anders gesagt: Die Veränderbarkeit von Umständen und menschlichem Verhalten wurde für möglich gehalten und unterstützt.

 

 

Die Anfangszeiten des "Treffpunkt" (1980/81) waren sehr turbulent, auch von Gewaltvorfällen und zahlreichen Auseinandersetzungen geprägt (Diebstahl, Schlägereien, Sachbeschädigung, Drogendeal, verbale Gewalt).
Dabei ist erstmals deutlich geworden, dass das Wahrnehmen von Gewalt in ihren verschiedenen Ausdrucksformen ein wichtiger Bestandteil  der psychosozialen gemeindenahen Arbeit ist. Es galt also zu lernen, mit gewalttätigem Verhalten und Aggressionen umzugehen, was nicht immer leicht war. Solche ambulanten Anlaufstellen sollten ja mithelfen, die psychiatrischen Großkrankenhäuser zu verkleinern, das hieß:
Man musste auch zum Teil sehr schwierigen Menschen begegnen wollen! Denn gerade diese Menschen sind es, die nicht "wartezimmerfähig" oder "therapiefähig" sind. Sie verschwanden früher in den großen, abseits gelegenen Nervenheilanstalten.

 

 

Im "Treffpunkt" wurden  erst nach und nach Regeln gefunden für das Austragen von Interessenkonflikten. Es gab eine monatliche Vollversammlung, wo Besucher, Mitarbeiter und Praktikanten gemeinsam über alle Belange zum Teil heftig debattierten, später auch einen "Delegiertenrat" mit Vertretern aller Bereiche.

 

 

Die wichtigsten Regeln: Keine Gewalt und keine Drogen im "Treffpunkt"!

 

 

In den Achtzigerjahren bestand die Erwachsenenarbeit aus den Bereichen:
• Öffnungszeiten
   soziale und psychologische Beratung
   Krisenintervention
• Nachsorge für Alkohol- und Tablettenabhängige (bis 1997)
• Therapeutische Wohngemeinschaft (4 Plätze)

 

Hinzu kamen
• Beratung für Kinder und Jugendliche (1980-2004)
• Selbsthilfegruppen (Kochen, Malen, Frauen, Senioren)
• Rechtsberatung
• kulturelle Angebote

 

Nach dem Fall der Berliner Mauer und Öffnung der Archive des ehemaligen DDR-Geheimdienstes (Staatssicherheit/Stasi) kamen zahlreiche Ratsuchende nach ihrer Akteneinsicht in den "Treffpunkt" und suchten nach Austausch. Viele waren stark verunsichert und irritiert über die ausführlich dokumentierten "Spitzel" und "Zersetzungspläne", nach denen in ihr Leben eingegriffen worden war. 

In Reaktion auf diese Situation entstand nach langer Verhandlungszeit mit dem Berliner Senat ein neues, spezifisches Beratungsangebot - nur wenige Straßen vom "Treffpunkt" entfernt -, das im Sommer 1998 seine Tätigkeit aufnehmen konnte:
die Beratungsstelle Gegenwind- für Menschen, die politische Haft und Zersetzung erlebt und gesundheitliche Schäden davongetragen hatten.

 

Die Kollegen Klaus Behnke und Jürgen Fuchs, die selbst aus politischen Gründen die DDR verlassen mussten, setzten sich besonders für das Zustandekommen von "Gegenwind" ein.

 

Im Jahr 1999 kamen eine
• Tagesstätte
• der Bereich Zuverdienst (Arbeit/Beschäftigung) sowie
Betreutes Einzelwohnen
hinzu.
Der "Treffpunkt" wurde zum "Tageszentrum Tiergarten", dessen Angebote auf diesen Seiten vorgestellt werden.

Geblieben ist das "Treffpunkt-Café" als Ort der offenen Begegnung und Beratung, des sozialen Lernens, des Austragens von Konflikten, mitunter des Schutzes, der kreativen Betätigung, gemeinsamen Kaffeetrinkens und der Geselligkeit - bis heute ein sehr lebendiger Ort!