Neurodivergenz in Beratungssituationen

Autismus und ADHS besser verstehen

Menschen mit Autismus oder ADHS begegnen Berater*innen in vielen Bereichen der Eingliederungshilfe, Berufsorientierung und Arbeitsförderung. Gleichzeitig bleiben neurodivergente Bedürfnisse oft unerkannt oder werden missverstanden. Eine neurodiversitätssensible Beratung kann dazu beitragen, Barrieren abzubauen und individuelle Potenziale sichtbar zu machen.

Die Inhalte dieses Artikels basieren auf den Impulsen und Erkenntnissen des Neurodivergenz-Fachtags, an dem einige Kolleg*innen der PIM Berlin teilgenommen haben. Die dort vermittelten Fachinformationen und Praxisbeispiele haben wichtige Anregungen dafür gegeben, neurodivergente Perspektiven stärker in Beratungssituationen mitzudenken und die eigene Beratungspraxis weiterzuentwickeln.

Was bedeutet Neurodivergenz?

Der Begriff Neurodivergenz beschreibt Menschen, deren Gehirn Informationen anders verarbeitet als bei der Mehrheit der Bevölkerung. Neurodiversität umfasst dabei die gesamte Bandbreite neurologischer Unterschiede – von neurotypischen bis hin zu neurodivergenten Menschen.

Als neurotypisch werden Menschen bezeichnet, deren Wahrnehmungs-, Denk- und Verarbeitungsweisen weitgehend den gesellschaftlichen Erwartungen und der statistischen Mehrheit entsprechen. Neurotypisch bedeutet dabei nicht „besser“ oder „normaler“, sondern beschreibt lediglich eine bestimmte Form neurologischer Verarbeitung.

Neurodivergente Menschen verarbeiten Informationen hingegen auf eine Weise, die von dieser Mehrheit abweicht. Dazu gehören unter anderem Autismus und ADHS. Beide können einzeln auftreten, kommen jedoch häufig gemeinsam vor. Schätzungen zufolge erfüllen etwa 50 bis 80 Prozent der Menschen im Autismusspektrum zusätzlich die Kriterien einer ADHS.

Häufige Herausforderungen im Beratungsalltag

Viele neurodivergente Menschen erleben Herausforderungen, die sich unmittelbar auf Beratungsgespräche auswirken können. Dazu gehören:

  • Reizempfindlichkeit gegenüber Geräuschen, Gerüchen, Licht oder Berührungen
  • Schwierigkeiten im Umgang mit unvorhergesehenen Veränderungen
  • Eingeschränkte Wahrnehmung körperlicher Bedürfnisse wie Hunger, Durst oder Erschöpfung
  • Herausforderungen bei Kommunikation und Informationsverarbeitung
  • Schwierigkeiten bei Aufmerksamkeit, Impulskontrolle und Selbstorganisation
  • Erhöhte Belastung in sozialen Situationen

Insbesondere bei starker Überforderung kann es zu einem sogenannten Shutdown kommen. Betroffene ziehen sich dabei zurück, reagieren kaum noch auf Ansprache oder sind vorübergehend nicht mehr in der Lage, Informationen zu verarbeiten und Entscheidungen zu treffen.

Besonderheiten bei Frauen und Mädchen

Autismus und ADHS werden bei Frauen häufig später erkannt als bei Männern. Viele Betroffene entwickeln früh Strategien der sozialen Anpassung, die als „Masking“ bezeichnet werden. Dabei werden Schwierigkeiten bewusst oder unbewusst verborgen, um Erwartungen des Umfelds zu erfüllen.

Typische Hinweise können sein:

  • starke Erschöpfung nach sozialen Situationen
  • Rückzugstendenzen
  • wenig oder ungewohnter Blickkontakt
  • ausgeprägte Anpassungsstrategien
  • innere Unruhe statt sichtbarer Hyperaktivität

Dadurch kommt es nicht selten zu Fehldiagnosen, beispielsweise als Depression, Angststörung, Essstörung oder Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Neurodiversitätssensible Beratung

Beratungsgespräche können für neurodivergente Menschen anstrengend sein. Bereits kleine Anpassungen schaffen häufig bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Zusammenarbeit.

Hilfreich sind beispielsweise:

  • eine ruhige und reizarme Umgebung
  • klare Strukturen und transparente Abläufe
  • ausreichend Zeit zum Nachdenken und Antworten
  • kurze und verständliche Formulierungen
  • die Möglichkeit, sich während des Gesprächs zu bewegen
  • das Zulassen von Hilfsmitteln wie Kopfhörern oder Sonnenbrillen
  • vertraute Rahmenbedingungen und feste Ansprechpersonen

Besonders wichtig ist es, Pausen auszuhalten und nicht jede Gesprächslücke sofort mit weiteren Fragen zu füllen. Viele neurodivergente Menschen benötigen mehr Zeit, um Informationen zu verarbeiten und passende Antworten zu formulieren.

Unterstützung bei Ausbildung und Beruf

Der Übergang von der Schule in Ausbildung oder Arbeit stellt für viele neurodivergente Menschen eine besondere Herausforderung dar. Neben den fachlichen Anforderungen wirken häufig belastende Schulerfahrungen nach. Viele Betroffene haben über Jahre negative Rückmeldungen erhalten und wurden als „faul“, „unkonzentriert“ oder „unmotiviert“ beschrieben, obwohl die eigentlichen Ursachen unerkannt blieben.

Gleichzeitig passen klassische Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen nicht immer zu den individuellen Bedürfnissen neurodivergenter Menschen. Eine passgenaue Berufsorientierung und die Berücksichtigung persönlicher Interessen sind deshalb besonders wichtig. Hilfreiche Strategien können sein:

  • Aufgaben in kleine, überschaubare Schritte unterteilen
  • To-do-Listen und visuelle Planungsinstrumente nutzen
  • Ablenkungen reduzieren
  • realistische Zeitpläne entwickeln
  • Body Doubling einsetzen, also gemeinsames Arbeiten mit einer unterstützenden Person
  • Methoden zur Stressregulation und Selbstfürsorge vermitteln

Neurodivergenz als Teil menschlicher Vielfalt

Neurodivergenz ist keine Krankheit, die „behoben“ werden muss, sondern beschreibt eine andere Art, Informationen wahrzunehmen, zu verarbeiten und auf die Umwelt zu reagieren. Eine gelingende Beratung berücksichtigt diese Unterschiede, reduziert Barrieren und stärkt individuelle Ressourcen.

Gerade in der Eingliederungshilfe kann eine neurodiversitätssensible Haltung dazu beitragen, Teilhabe, Selbstbestimmung und berufliche Perspektiven nachhaltig zu fördern.

Offene Sprechstunde in der Kontakt- und Beratungsstelle der PIM Berlin

Die offene Sprechstunde bietet Ihnen die Möglichkeit, ganz spontan und ohne Termin für eine kurze Beratung zu uns zu kommen. Gemeinsam können wir Ihr Anliegen besprechen und gegebenenfalls einen Termin für eine längere Beratung ausmachen. Wenn Sie akut Unterstützung brauchen und nicht weiterwissen, kommen Sie einfach zur offenen Sprechstunde vorbei.

 

Mittwochs: 14:00 bis 16:00 Uhr

Freitags: 12:00 bis 14:00 Uhr

Ort: KBS, Waldstr. 7 in Moabit